– Marina Abramović
Künstlerisch leben
Seit dem 19. Jahrhundert folgen Künstler:innenbiografien häufig ähnlichen Mustern: Betont werden außergewöhnliche Begabung, Individualität, Erfolg, Krisen, Brüche oder das Bild des autonomen schöpferischen Individuums. Weniger sichtbar bleiben dagegen oft persönliche Entwicklungsprozesse, Beziehungen, alltägliche Erfahrungen, kollektive Zusammenhänge und die existenziellen Fragen, die künstlerisches Arbeiten begleiten.
Meine Arbeit entwickelt eine alternative Form der Lebensbeschreibung. Im Mittelpunkt stehen nicht allein Werk, Karriere oder öffentliche Anerkennung, sondern die Bedeutung von Kreativität als Ausdruck persönlicher und zugleich kollektiver Erfahrungsräume. In Gesprächen und gemeinsamen Reflexionsprozessen entstehen Biografien, die individuelle Lebenswege mit grundlegenden Themen menschlicher Entwicklung, gesellschaftlichen Seinszuständen und übergreifenden kulturellen Zusammenhängen verbinden. So entsteht in einem ko-kreativen Prozess eine vielschichtige Biografie im Spiegel künstlerischen Schaffens.
Kreative Vorbilder?
Ausgehend von der These, dass Künstlerleben und Künstlerdarstellungen seit dem 19. Jahrhundert wesentliche Faktoren kulturellen Wandels sind, untersuche ich Künstler:innenbiografien als Mythos des autonomen Individuums. Im Zentrum steht die Analyse von Texten über Künstler:innen, ihrer Rezeption und Instrumentalisierung im Kunst- und Kulturbetrieb vor wechselnden sozial-politischen Hintergründen. Dabei interessiert mich, wie sich in diesen Narrativen Konflikte zwischen Individuum und Kollektiv jeweils – mehr oder weniger heroisch – darstellen und auflösen. Zugleich frage ich nach dem Potential von Kunst und Kreativität für Vielfalt, Demokratie und Gemeinwohl sowie nach ihrer Bedeutung für neue Lebenskonzepte, individuelle Gestaltungsmöglichkeiten und zukünftige gesellschaftliche Ideale.
Neue Lebenskonzepte
Im Unterschied zum heroischen Ideal des autonomen Individuums rücken neue Lebenskonzepte kooperative, relationale und kollektive Formen von Kreativität und Selbstgestaltung in den Vordergrund. Sie verstehen individuelles Handeln stärker als Teil sozialer, ökologischer und kultureller Zusammenhänge und fragen nach neuen Formen des Zusammenlebens, der Teilhabe und gemeinsamen Verantwortung.